Christian Scherg
 
Krisenkommunikation | Reputation | Internet 

August 2015

AfD, Pegida & Co. im Internet

Posted in Presse 2015

WIRTSCHAFTSMAGAZIN: WIRTSCHAFTSWOCHE

AfD, Pegida & Co. im Internet

Werden rassistische Äußerungen im Internet gesellschaftsfähig? Gibt es in Social Media und den Kommentarfunktionen eine zunehmende Kultur des Hasses? Unter dem Titel "Wie der Mob Meinung machen will" stellt die Wirtschaftswoche genau diese Fragen und untersucht die digitale Debattenkultur mit Hilfe der Meinung führender Experten. Christian Scherg beleuchtet als Krisenkommunikationsexperte die Mechanismen, die hinter der virtuellen Hetze stehen.


Wie der Mob Meinung machen will (WiWo) | Christian Scherg

(Quelle: Wirtschaftswoche)


Das gesamte Interview mit Christian Scherg:

Das Internet soll eigentlich ein Tool sein, das Demokratie stärken soll. Macht es sie nicht gerade kaputt?

Tatsächlich war das Internet in seinem Entstehen kein Werkzeug der Demokratie und schon gar nicht dazu bestimmt, objektiv Mehrheiten abzubilden. Und daran hat sich bis heute nichts geändert: Das Internet war und ist ein Informationsnetzwerk, einst Wissenschaftlern vorbehalten, heute für jeden verfügbar. Im Lauf der Entwicklung des World Wide Web hat sich allerdings die Qualität der einst ausgewählten Inhalte in der Quantität der Informationen aufgelöst, die jedermann online stellen kann. Dies aber darf nicht mit einem demokratischen Prozess gleichgesetzt werden, denn das Internet war und ist nicht der Selbstbestimmung des Volkes nach dem Willen der Mehrheit unterworfen. Dies würde allerdings eine Kontrolle erfordern, die zumindest teilweise der Zensur gleichkäme.

Wo liegt das Kernproblem?

Das Internet als Instrument der freien Meinungsäußerung ist zwar pluralistisch, spiegelt aber keine Mehrheitsverhältnisse wider. Im Internet kann sich jede Randgruppe in gleicher Weise Gehör verschaffen wie starke Strömungen. Durch die Möglichkeit, Meinungen anonym zu äußern, kann jeder seine Stimme vervielfachen und unter verschiedenen Namen erheben. Dabei ist überhaupt nicht ersichtlich, wer wie oft wo seine Meinung sagt.

Randgruppen können ihren Auftritt durch virtuelle Mitstreiter beliebig verstärken. Dem kommt entgegen, dass es im Internet durchaus üblich ist, Inhalte zu kopieren und im gleichen Wortlaut zu posten, um einer Meinung Nachdruck zu verleihen. Es genügt also, den angeblichen Absender häufig genug zu wechseln, um die Zahl der Sympathisanten und den Grad der Zustimmung optisch zu erhöhen.

Umgekehrt haben aber alle die Möglichkeit, sich aus virulenten Diskussionen herauszuhalten, selbst wenn sie eine Meinung haben. In diesem Schweigen der Mehrheit kommt das Internet der aktuellen gesellschaftlichen Handhabung der Demokratie wahrscheinlich am nächsten. Wer keine Stellung nimmt, ebnet jenen den Weg, die sich laut und deutlich und allzu oft mit extremen Positionen äußern. Die schweigende Mehrheit findet nicht statt. Unter diesem Aspekt bietet – auch ohne die oben bereits angeführten Fake-Accounts und ohne die Ausnutzung des Anonymitätsprinzips des Internets – das Web die ideale Plattform für Einzelne und Gruppen, die ihrer Meinung erhöhte Sichtbarkeit geben wollen.

Es fehlt ein objektives Regulativ, das die „Lautstärke“ der Diskussion entsprechend der echten, auch schweigenden Stimmen regelt.

Wie verändert die Anonymität im Netz die Gesellschaft?

Ob es nötig und sinnvoll ist, dass öffentliche Meinungsäußerungen mit einem erkennbaren Profil verbunden sein müssen, wurde auch in Zeiten vor dem Internet schon oft diskutiert, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Vermummungsverbot auf Demonstrationen.

Ebenso im Internet: Hier nehmen viele Anwender das Recht in Anspruch, anonym Stellung zu beziehen. Darüber hinaus – und das verschärft die Situation – ist für die anderen oft nicht zu erkennen, wer sich anonym äußert: Nicknames, die wie echte Namen klingen, erwecken den Eindruck, dass es sich um authentifizierbare Äußerungen handelt. Und mehr noch bedeutet die Chance, dass hier jeder frei und unverblümt seine Meinung sagen kann, nicht, dass jeder seine Meinung nur ein einziges Mal äußert. Im Gegenteil: Es ist das gute Recht von jedem und im Internet durchaus so angelegt, dass jeder seine Meinung so oft und unter so vielen Pseudonymen sagen kann, wie er oder sie will. Nachprüfbar ist dies alles nicht.

Im Gegensatz dazu dienten Klarnamen allerdings schon früh als Chance, sich von der anonymen Masse abzusetzen: Sie geben einer Meinung Gewicht und stärken im Umkehrschluss die Reputation des Teilnehmers. Unter diesem Aspekt bieten dann wiederum provokative Äußerungen, beispielsweise aus der rechtsextremen Ecke, das Potential, den echten Namen mit ein paar Mausklicks bekannt zu machen. So werden auffällige und ausfällige Wortmeldungen zum Treibstoff des Bekanntheitsgrads.

Ist es so, dass extreme Positionen "salonfähig" werden, weil auch Politiker Ressentiments bedienen und Foren mittlerweile voll sind mit latentem Rassismus – auch unter dem Klarnamen?

Sich mit echtem Namen und extremen Meinungen einen Ruf aufzubauen, beinhaltet selbstverständlich auch für Politiker die Chance, sich zu profilieren. Hierbei wirken dann die traditionellen Medien bezeichnenderweise als Katalysatoren. Wer bislang nicht zur Kenntnis genommen wurde kann sich mit ein wenig Geschick in die allgemeine Wahrnehmung katapultieren: Die gezielt platzierte Meinung genügt. Hierbei ist die Kommentarfunktion reichweitenstarker Medien ein perfekter Steigbügelhalter. Journalistische Beiträge mit hoher Leser- und Kommentarfrequenz bieten ein fruchtbares Umfeld, um im Kommentar die Reputation als Meinungsführer zu stärken.

Doch auch die einsamen Winkel des Internets, kleine Gruppen sozialer Medien, private Blogs und themenorientierte Foren werden genutzt: Hier lässt sich der Zuspruch auf „außergewöhnliche“ Meinungen testen, also auch auf latent rassistische Positionen. Somit dient das Internet nicht nur der Darstellung von Mehrheiten, sondern auch dem Ausloten von konsenztauglichen Positionen abseits der Mitte.

Bei solchen arrangierten Auftritten lassen sich oft Journalisten instrumentalisieren: Die richtige Parole genügt, um aus dem Nebel der Anonymität ins Licht der Öffentlichkeit zu treten. Ob Politiker, Herausgeber oder Journalisten, sie sind gemeinsam an Reichweite interessiert. Und die ernstzunehmende Berichterstattung hört nicht nach der Veröffentlichung des ersten Artikels zu einem Thema auf. Dies ist allenfalls der erste Baustein und oftmals Anstoß einer Diskussion, die in den Kommentarfunktionen, Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken weitergeführt wird. Für die Journalisten ein Ritt auf der Rasierklinge: Einerseits will man mit gezielten, emotionalen Aufregerthemen den Online-Dialog entfachen, weil er Aufmerksamkeit und Reichweite bedeutet, anderseits möchte man jedoch nicht, dass die Diskussion unkontrolliert entgleist.

Ist der Umgang im Netz noch respektvoll – und warum ja, oder eben nein?

Respekt ist ein fragiles Gut: Gerade in den Kommentaren lässt sich beobachten, wie einige wenige respektlose Kommentare den gesamten Tenor verändern können. Wenn die Stimmung insgesamt nicht mehr von Respekt getragen ist, sondern aggressive, taktlose oder rassistische Äußerungen die Diskussion vergiften, kippt der Ton der gesamten Debatte.

Es ist also relativ leicht für Störer den Grundton zu ändern, die Argumentation zu drehen oder Aussagen ins lächerliche zu ziehen, zu blockieren und Teilnehmer zu diskreditieren. Gerade bei längeren Diskussionen – vor allem bei Themen mit hohem gesellschaftlichen Zündstoff – ist es schwer, Störer außen vor zu halten.

Was kann man tun?

Die Chance besteht darin, dass alle zusammen die Verantwortung für die Kommunikation im Internet tragen. Hierbei muss man sich vor Auge führen, dass das Medium Internet zwar ein Instrument des Pluralismus sein kann, nicht aber praktizierte Demokratie. Volkes Wille ergibt sich nicht durch die statistische Auswertung der Kommentare. Nur wer die Meinungsäußerungen differenziert und im Kontext ihres Veröffentlichungsumfelds sieht, kann den Inhalten gerecht werden. Es ist niemandem damit gedient, Wortmeldungen kleinzureden, indem man sie auf unerhebliche Randgruppen reduziert. Das Gute im Internet ist, dass man frühzeitig gesellschaftliche Tendenzen entdecken kann, die sich in eine gefährliche Richtung entwickeln können. Wichtig: Man muss sie wahrnehmen.

Außerdem gehört es dazu, gesellschaftliche Diskussionen, die auf der eigenen Seite angestoßen wurden, unaufgeregt zu führen, aber im Zweifelsfall auch durchzugreifen, wenn Teilnehmer Menschen einschüchtern, Brandherde legen und rassistische Positionen vertreten. Die Inhalte der eigenen Webseite zu monitoren und zu kontrollieren, Regeln aufzustellen, zu überwachen und im Zweifelsfall auch einfach einmal löschend einzugreifen, gehört zu den Sorgfaltspflichten der Betreiber.